Kompressionstherapie

bei chronischen Wunden

Chronische Wunden belasten den Alltag oft stark. Schmerzen, austretendes Wundsekret, Geruch, eingeschränkte Bewegung und ständige Verbandwechsel kosten Kraft. Viele Betroffene fragen sich dann, welche Behandlung wirklich hilft. Genau hier spielt die Kompressionstherapie eine wichtige Rolle. Sie ist aber nicht für jede Wunde gleich sinnvoll. Vor allem bei Menschen mit pAVK, diabetischem Fußsyndrom oder gemischten Ursachen muss sehr genau geprüft werden, ob und wie sie eingesetzt werden darf.



In Deutschland leben rund 1 Million Menschen mit chronischen Wunden. Ab dem Alter von 40 Jahren liegt die Prävalenz bei 2,1 %. Bei 80- bis 89-Jährigen steigt sie auf 5,79 %, bei Menschen über 90 Jahren sogar auf 11 %. Dazu kommt: Über 80 % der Betroffenen haben mehrere Erkrankungen gleichzeitig. Das zeigt, wie wichtig eine genaue Diagnose ist. In diesem Beitrag erfahren Sie, wann Kompressionstherapie hilft, wann sie riskant sein kann, was bei venösen Wunden, pAVK und diabetischem Fußsyndrom gilt und wie Angehörige und Pflegekräfte die Behandlung sicher unterstützen können.



Warum Kompressionstherapie bei venösen Wunden so wichtig ist

Die Kompressionstherapie ist vor allem bei einem venösen Unterschenkelgeschwür, also dem Ulcus cruris venosum, ein zentraler Baustein. Der Grund ist einfach: Wenn das Blut in den Beinvenen nicht gut zurück zum Herzen fließt, steigt der Druck im Gewebe. Es entstehen Ödeme, die Haut wird schlechter versorgt und die Wundheilung stockt. Durch gezielten Druck von außen kann der venöse Rückfluss verbessert werden. Das Gewebe schwillt ab, und die Wunde bekommt bessere Heilungsbedingungen.


Die medizinische Kompressionstherapie soll nach Prüfung der Kontraindikationen als konservative Standardtherapie des Ulcus cruris venosum eingesetzt eingesetzt. Sie beschleunigt die Abheilung.
— Leitliniengruppe der S2k-Leitlinie 'Diagnostik und Therapie des Ulcus cruris venosum', AWMF

Für Patientinnen und Patienten ist dabei wichtig: Kompression ist keine Nebenmaßnahme. Sie gehört oft direkt zur Behandlung. Typische Beispiele sind Mehrkomponenten-Systeme, medizinische Kompressionsstrümpfe oder adaptive Bandagen. Welche Lösung passt, hängt von der Wunde, der Beweglichkeit und der Durchblutung ab. Gerade im Alltag zeigt sich der Nutzen. Wer konsequent behandelt wird, hat oft weniger Schwellung, weniger Spannungsgefühl und bessere Chancen auf Heilung.


Wann Vorsicht nötig ist: pAVK, Durchblutungsstörungen und gemischte Wunden

So hilfreich die Kompressionstherapie sein kann, so wichtig ist die richtige Auswahl. Denn bei arteriellen Durchblutungsstörungen, also bei pAVK, kann zu viel Druck gefährlich sein. Wenn das Bein schon schlecht mit Blut versorgt wird, darf der Blutfluss nicht zusätzlich behindert werden. Deshalb muss vor Beginn immer die Durchblutung geprüft werden, zum Beispiel mit ABI oder Knöchelarteriendruck.

Als wichtige Schwellen gelten: Eine Kompression kann bei pAVK erwogen werden, wenn der ABI über 0,5 liegt oder der Knöchelarteriendruck über 60 mmHg liegt. Liegt der Knöchelarteriendruck dagegen unter 60 mmHg, ist das eine absolute Kontraindikation. Dann darf keine klassische Kompression erfolgen.

Für Betroffene ist das oft verwirrend. Entscheidend ist: Nicht jede chronische Wunde ist gleich. Eine venöse Wunde profitiert meist deutlich. Eine rein arterielle Wunde braucht zuerst eine Abklärung oder Verbesserung der Durchblutung. Bei einem gemischten Ulcus, also venös und arteriell zugleich, muss sehr individuell entschieden werden.

Typische Warnzeichen für eine arterielle Komponente sind kalte Füße, Schmerzen beim Gehen, blasse Haut, schlecht tastbare Pulse oder Ruheschmerz. Wer solche Zeichen bemerkt, sollte nicht einfach Kompressionsstrümpfe tragen, ohne ärztliche Prüfung. Gerade Angehörige und Pflegekräfte sollten hier aufmerksam sein. Sicherheit geht immer vor.



Was beim diabetischen Fußsyndrom anders ist

Beim diabetischen Fußsyndrom steht meist nicht die klassische Kompressionstherapie im Mittelpunkt, sondern die Druckentlastung, auch Offloading genannt. Das ist ein wichtiger Unterschied. Viele Menschen mit Diabetes haben eine Neuropathie. Sie spüren Druck, Reibung oder kleine Verletzungen schlechter. Genau deshalb können sich Wunden unbemerkt verschlechtern.

Wenn bei einem diabetischen Fuß zusätzlich starke Ödeme oder eine venöse Komponente vorliegen, kann Kompressionstherapie in Einzelfällen eine Rolle spielen. Aber sie darf nur nach sehr genauer ärztlicher Prüfung eingesetzt werden. Denn bei Diabetes kommen oft mehrere Risiken zusammen: Neuropathie, pAVK, Infektionsgefahr und verzögerte Wundheilung. Eine falsche oder zu starke Kompression kann dann mehr schaden als helfen.

Ein typisches Beispiel aus der Praxis: Eine ältere Person mit Diabetes hat eine Wunde am Fuß, geschwollene Unterschenkel und bereits bekannte Durchblutungsstörungen. Hier reicht es nicht, nur die Schwellung zu sehen. Zuerst muss geklärt werden, ob genug arterieller Blutfluss vorhanden ist. Danach entscheidet das Behandlungsteam, ob Offloading, Gefäßdiagnostik, Wundreinigung, Infektionskontrolle und eventuell eine angepasste Form der Kompression sinnvoll sind.


Häufige Fehler sind in diesem Bereich besonders riskant:

Häufige Fehler im Alltag

  • Kompression ohne Gefäßdiagnostik beginnen
  • Schwellung mit venöser Ursache verwechseln, obwohl pAVK vorliegt
  • Druckstellen bei Neuropathie zu spät erkennen
  • Verband und Kompression nicht regelmäßig kontrollieren
  • Schmerzen oder Farbveränderungen zu lange abwarten

Wer unsicher ist, sollte sich früh an spezialisierte Stellen wenden. Auch unser Wundblog kann helfen, komplexe Themen rund um chronische Wunden verständlich einzuordnen.


Heilung fördern und Rückfälle vermeiden

Ein großer Vorteil der Kompressionstherapie ist nicht nur die bessere Heilung, sondern auch die Vorbeugung neuer Wunden. Gerade beim Ulcus cruris venosum ist das entscheidend. Viele Wunden schließen sich zunächst, kommen aber nach einigen Monaten wieder. Das belastet Betroffene oft besonders stark, weil jede Hoffnung auf Besserung wieder enttäuscht wird.


Welche Systeme es gibt und was im Alltag hilft

Kompressionstherapie ist nicht gleich Kompressionstherapie. Es gibt verschiedene Systeme, und nicht jedes passt zu jedem Menschen. Klassische Kurzzugbinden werden oft in der Anfangsphase genutzt. Mehrkomponenten-Systeme können einen stabilen Druck liefern. Medizinische Kompressionsstrümpfe kommen eher später oder zur Rückfallprophylaxe zum Einsatz. Adaptive Kompressionssysteme gewinnen an Bedeutung, weil sie einfacher selbst angepasst werden können.

Gerade für ältere Menschen, Angehörige und Pflegekräfte ist die Alltagstauglichkeit wichtig. Ein System hilft nur dann wirklich, wenn es korrekt sitzt und regelmäßig getragen wird. Deshalb sollte die Auswahl immer auch diese Fragen berücksichtigen:


Praktische Auswahlkriterien

  • Kann die Person das System selbst anlegen?
  • Gibt es Schmerzen, Bewegungseinschränkungen oder Übergewicht?
  • Muss die Versorgung täglich kontrolliert werden?
  • Besteht ein Risiko durch pAVK oder Neuropathie?
  • Geht es um Akutbehandlung oder um Rückfallprophylaxe?

Wenn Kompression drückt, rutscht, einschneidet oder neue Schmerzen auslöst, sollte sie nicht einfach weitergetragen werden. Dann braucht es eine schnelle Kontrolle. Gute Versorgung ist immer individuell.


So können Angehörige und Pflegekräfte sicher unterstützen

Angehörige und Pflegekräfte sind im Alltag oft die wichtigsten Beobachter. Sie sehen früh, ob das Bein stärker anschwillt, ob die Haut verfärbt ist oder ob die Wunde mehr Wundsekret bildet. Diese Beobachtungen sind sehr wertvoll. Denn chronische Wunden verändern sich oft schrittweise.

Wichtig ist ein einfacher Ablauf: zuerst auf neue Schmerzen, Druckstellen, Taubheit, Blässe oder bläuliche Haut achten. Dann prüfen, ob der Verband trocken und passend sitzt. Danach beobachten, ob die Kompression bis zum nächsten Wechsel toleriert wird. Bei Warnzeichen sollte die Versorgung nicht einfach improvisiert werden. Dann ist Rücksprache mit Arzt, Pflegedienst oder Wundzentrum nötig.

Hilfreich ist auch ein kleines Wundtagebuch. Notiert werden können Größe der Wunde, Geruch, Wundsekret, Schmerzen, Schwellung und Besonderheiten beim Gehen. So lassen sich Veränderungen besser erkennen. Bei komplexen Verläufen können spezialisierte Zentren moderne Verfahren wie Vakuumtherapie, Kalt-Plasma-Therapie oder ein strukturiertes Wundmanagement mit Gefäßabklärung einbinden. Für Betroffene aus dem Rhein-Ruhr-Wupper-Raum kann unser Wundblog ein guter Einstieg sein, um sich über moderne Wundtherapie und Versorgungswege zu informieren.


Jetzt die nächsten Schritte gut planen

Kompressionstherapie ist bei vielen chronischen Wunden ein sehr wirksamer Teil der Behandlung, aber eben nicht bei allen. Besonders beim venösen Ulcus cruris gehört sie nach Prüfung der Kontraindikationen zum Standard. Sie kann Ödeme senken, die Wundheilung fördern und Rückfälle deutlich vermeiden. Bei pAVK, gemischten Ursachen und beim diabetischen Fußsyndrom braucht es dagegen eine genaue Diagnostik, damit die Behandlung sicher bleibt.

Für Sie als Patient, Angehöriger oder Pflegekraft heißt das: Schwellung nicht einfach selbst deuten, Warnzeichen ernst nehmen und immer die Ursache der Wunde klären lassen. Fragen Sie nach ABI, Knöcheldruck und nach dem genauen Therapieziel. Geht es um Entstauung, Druckentlastung, Infektionskontrolle oder alles zusammen? Je klarer die Ursache, desto besser die Behandlung.

Wenn eine Wunde nicht heilt, immer wieder auftritt oder zusätzlich Durchblutungsstörungen bestehen, ist fachliche Unterstützung besonders wichtig. Eine gut abgestimmte Versorgung kann Lebensqualität zurückbringen, Schmerzen senken und Komplikationen vermeiden. Der wichtigste Schritt ist oft der erste: nicht länger abwarten, sondern die Wunde gezielt beurteilen und behandeln lassen